Ein kleines aber gemeines Tool hat in letzter Zeit unter den Second Lifern besonders viel Aufmerksamkeit und sicherlich auch ein wenig Hass auf sich gezogen – der CopyBot. Beim “CopyBot” handelt es sich, wie der Name schon andeutet, um ein Werkzeug zum Kopieren von Gegenständen, wie z.B. Kleidung oder Prims, in Second Life (Video-Demo hier). Eine heikle Angelegenheit, da schließlich jedem Spieler ausdrücklich ein Urheberrecht auf alle von ihm selbst erstellten Gegenstände eingeräumt wird.
Und genau darüber ärgern sich viele Second Lifer. Mit dem Tool lässt sich nämlich in Windeseile die in mühsamer Modellierungsarbeit erstellte Abendgarderobe samt in teuren SL-Boutiquen erworbenem Schmuck entwenden. Oder auch die selbstgebastelteten Engelsflügel und die supertolle (und einzigartige) Frisur. Da lohnt es sich doch, mal so richtig dagegen zu demonstrieren, was gestern auch eine ganze Menge “Bürger” getan haben. Rein zufällig habe ich eine der Protestaktionen mitbekommen und das Ganze auf Festplatte gebannt…

So schön und unterhaltsam solche Aktionen auch sind, muss man sich trotzdem auch fragen, um was es hier wirklich geht. So wurden zum Teil die wildesten Gerüchte über das Tool in die Welt gesetzt, in denen es als ultimative Alles-Kopier-Maschine dargestellt wurde. Manch ein gestandener Unternehmer sieht durch die Sicherheitslücke sogar die gesamte Warenwirtschaft in Second Life gefährdet und betet schonmal für das Armageddon.
Ist es wirklich so ernst?
Die kurze Antwort: Nein. Und vor allem liegt das Problem nicht wirklich beim CopyBot selbst. Doch dazu später. Schauen wir uns erst nochmal kurz die Software an. Entwickelt wurde das Tool von libsecondlife, einem OpenSource Software-Projekt, das sich um die Konnektivität der Second Life-Plattform zu externer Software bemüht.
The libsecondlife project is an effort directed at understanding how Second Life works from a technical perspective, and extending and integrating the metaverse with the rest of the web. This includes understanding how the official Second Life client operates and how it communicates with the Second Life simulator servers, as well as development of independent third party clients and tools.
Grundsätzlich eine interessante und durchaus positive Motivation. Die Programmierer arbeiten außerdem eng mit Linden Lab selbst zusammen, um z.B. unter anderem auf Sicherheitslücken im System hinzuweisen. CopyBot ist also nicht das Werk irgendwelcher Script Kiddies, sondern einer Gruppe ernsthaft am Fortschritt von Second Life interessierter Entwickler, die im Endeffekt nichts anderes gemacht haben, als frei auf dem SL-Protokoll verfügbare Informationen auf einen neue Art und Weise zu benutzen.
Kurz zusammengefasst und für Laien wie mich verständlich ausgedrückt, macht das Tool nichts anderes als eine Art Screenshot der Gegenstände zu schießen – und zwar NUR des Aussehens, und nicht des Inhaltes (also z.B. der Skripte). Es gilt hier also ganz einfach dieselbe Regel wie beim 2D-Web auch: Was man auf dem Bildschirm hat, kann man sich auch irgendwie kopieren. Wer mehr über die Funktionsweise und die Möglichkeiten der Software wissen möchte, liest am besten gleich hier weiter: http://www.libsecondlife.org/
Linden Lab’s Einstellung zum CopyBot
Vorgestern (Montag, der 13. November) erschien im offiziellen Linden Blog ein erster ausführlicher Beitrag zum Thema, nachdem man in einem eingehenden Gespräch die Meinungen von Mitgliedern der Sellers Guild aufgenommen hat. Ich fasse den Inhalt hier kurz zusammen:
1. Linden Lab stellt klar, dass Kopieren an sich keinen Diebstahl darstellt, sondern eine Rechteverletzung. Kopiere ich dein Design und verkaufe es als meins, dann habe ich es nicht geklaut, sondern dein Recht als Urheber verletzt.
2. Linden Lab möchte Mittel und Wege finden, nicht das Kopieren zu verhindern (was ja wie erwähnt sowieso unmöglich ist), sondern erstellte Objekte besser identifizierbar zu machen, damit der Erbauer so seine Urheberschaft eindeutig beweisen kann. Dazu werden verschiedene Vorschläge gemacht, die man sich am besten im Original durchliest.
3. Linden Lab verweist Geschädigte und solche, die Angst um ihr Business haben, direkt an das U.S. Copyright Office und dessen behördlichen DMCA Takedown-Prozess zur Verfolgung von Copyrightverletzungen. Das Copyright-Gesetz sei außerdem sehr komplex und für Geschäftstreibende auch in Second Life eine andauernde Herausforderung.
Fazit: Keine wirkliche Lösung des Problems, aber ein klarer Hinweis auf das wahre Problem hinter der aktuellen Diskussion. Copyrightverletzung ist kein technisches, sondern ein gesellschaftliches Problem, und wird auf einer solch offenen Plattform wie Second Life niemals vollständig durch technische Verbesserungen oder Barrieren zu lösen sein. Und wo ist der Unterschied zwischen Jemandem, dessen selbst designte Schuhe in Second Life von jemandem 1:1 kopiert werden, und RL-Firmen wie z.B. Gucci, deren Logos und Designs von außerhalb ins Spiel übernommen und dort ohne Genehmigung verkauft werden? Und mal ganz ehrlich, die paar Pixel von Objekten in Second Life sind auch schnell ohne Tool per Hand nachgebaut, oder? Ich könnte jetzt seitenweise Beispiele zur herkömmlichen Copyrightverletzung in SL aufführen, aber ich denke Ihr wisst schon, wo der Wind herweht.
Das Verbot
Nichtsdestotrotz hat das offizielle Statement Teile der Community überhaupt nicht befriedigt. Und zwar so wenig, dass es eben gestern Abend zu den oben gezeigten Protesten gekommen ist und auch die Blogs teilweise vor Kritik überschäumten. So sah sich Linden Lab dann heute Nacht auch gezwungen, einen Schritt weiterzugehen und die provisorische Übergangslösung zum konkreten Thema CopyBot zu präsentieren. Ab sofort stellt die Benutzung desselben sowie sämtlicher ähnlich funktionierender Tools eine Verletzung der Terms of Service dar und kann im Ernstfall mit permanentem Ausschluss von der Plattform geahndet werden. Spieler, die glauben per CopyBot Opfer einer Copyrightverletzung geworden zu sein, sind nun aufgerufen einen “abuse report” bei Linden Lab aufzugeben.
Gleichzeitig stellt Linden Lab nochmal unmissverständlich klar, dass die Firma nicht im Copyright Enforcement Business tätig ist und lediglich Hilfestellung beim Schutz der Objekte geben kann, niemals aber das Kopieren sichtbarer Gegenstände technisch verhindern. Es wird außerdem bekräftigt, dass diese Lösung nur provisorisch ist und in Zukunft durch von den Spielern selbst zu wählende Modelle abgelöst werden muss…
These are important features because the implications of copying should not be about Linden Lab’s approach to copyright enforcement. We are not in the copyright enforcement business. The communities within Second Life should have the tools and the freedoms to decide how and when they deal with potentially infringing content. Many will decide on less restrictive regimes in order to maximize innovation and creativity. Others will choose more restrictive options and ban visitors who do not respect them. Consumers, creators, and all residents need to have the final say about which approaches work best for them.
Interessierte sollten unbedingt den ganzen Beitrag im Linden Blog lesen.
Fazit
Wie Ihr also seht, stehen wir in Second Life vor denselben Herausforderungen wie auch im normalen 2D-Web. Die Fragen und Meinungen zum Thema Urheberrecht sind auch in der Parallelwelt dieselben und gehen damit bei den Menschen wahrscheinlich auch genauso weit auseinander. Die Einen schätzen die Innovation und Kreativität, die Lizenzmodelle wie Creative Commons schaffen, die Anderen sehen schon beim kleinsten Anzeichen von Kopie ihre Felle baden gehen. Gerne rufe ich an dieser Stelle zur Diskussion auf. Was sagt Ihr zum Thema Urheberrecht in Second Life? Wie könnte man die angesprochenen Probleme lösen? Was ist überhaupt ein Problem und warum? Und was habt Ihr konkret selbst schon an Copyrightverletzungen in Second Life beobachtet?
P.S.: Ich weiß, dass amerikanisches Copyright und deutsches Urheberrecht nicht dasselbe sind. Es geht in diesem Artikel jedoch weniger um genaue gesetzliche Regelungen als vielmehr um das Prinzip des Schutz auf geistiges Eigentum, welches ja nun beide Rechte verkörpern. Danke für das Verständnis, liebe Juristen. ;)